Geschichte

Bet Debora ist eine 1998 in Berlin ins Leben gerufene Initiative engagierter jüdischer Frauen, die sich zu einem europäischen Netzwerk jüdisch-feministischer Frauen entwickelt hat.

 

1999 organisierte Bet Debora die erste Tagung europäischer Rabbinerinnen, Kantorinnen, rabbinisch gelehrter und interessierter Jüdinnen und Juden in Berlin. Sie verfolgte das Ziel, den sich damals vollziehenden Emanzipationsprozess jüdischer Frauen europaweit zu beleuchten. Damals, in den 1990er Jahren, vollzog sich ein einschneidender Wandel. Allerorts entstanden, meist außerhalb der offiziellen Gemeindestrukturen, Gruppen, Initiativen, Gemeinden, die nach einer zeitgemäßen Erneuerung des Judentums suchten. Die Gleichberechtigung von Frauen und Männern in der Synagoge wie auch in anderen Bereichen des Gemeindelebens war ein zentrales Anliegen dieser Bewegung. Bei der Tagung ging es nicht mehr um die Frage, ob Frauen die Männerdomänen im Judentum erobern dürfen. Ausgehend von der Tatsache, dass Frauen eine treibende Kraft bei der Erneuerung jüdischen Lebens in Europa sind, wurde über die Gestaltungsmöglichkeiten eines gleichberechtigten Judentums im europäischen Kontext diskutiert.

 

Es folgte 2001 eine weitere Tagung mit dem Titel „Die jüdische Familie – Mythos und Realität“, die sich kritisch mit dem jüdischen Familien- und Frauenideal und den konkreten Lebensentwürfen jüdischer Frauen auseinandersetzte, angefangen von alleinerziehenden Müttern über patrilineare Jüdinnen bis hin zu gleichgeschlechtlichen Hochzeiten.

 

Die dritte Tagung 2003 war dem Thema „Macht und Verantwortung aus jüdischen Frauenperspektiven“ gewidmet. Die Diskussionen kreisten um die Frage, wie sich jüdische Frauen innerhalb der Synagogen, Gemeinden und Institutionen engagieren und welchen Einfluss sie dort haben. Darüber hinaus tauschten sich die Teilnehmerinnen auch über neue Politikfelder, weiblichen Politikstil, Solidarität und Konkurrenz unter Frauen aus. Nicht nur die meist ungebrochenen Machtverhältnisse zwischen Frauen und Männern in vielen Bereichen jüdischen Lebens standen zur Debatte, sondern auch Dominanzstrukturen, die die Zusammenarbeit von jüdischen Frauen aus Ost- und Westeuropa prägen.

 

Um die Beziehungen und den Gedankenaustausch ost- und westeuropäischer jüdischer Frauen zu intensivieren, wurde die vierte Tagung (2006) in Kooperation mit der Budapester jüdisch-feministischen Gruppe Eszter Táska („Esthers Tasche“) und der Central European University (Budapest), Department of Gender Studies, zum Thema „Diversities“ organisiert. Im Mittelpunkt stand die Identität jüdischer Frauen in Geschichte und Gegenwart, die immer wieder im Spannungsfeld zwischen Religion, Moderne, politischem Engagement und beruflicher Tätigkeit ausgehandelt wird.

 

Die fünfte Tagung zum Thema „Migration, Communication and Home“, die 2009 in Sofia in Zusammenarbeit mit der dortigen jüdischen Gemeinde stattfand, wurden darüber diskutiert, wie Tradition, Assimilation, Migration, Heimat Frauen, Familien oder jüdische Gemeinden prägen und verändern.

 

Die sechste Bet Debora Tagung kehrte wieder in den deutschsprachigen Raum zurück und fand im Februar 2013 in Wien statt. Thema war „Tikkun Olam – Der Beitrag jüdischer Frauen zu einer besseren Welt“. Vorgestellt und diskutiert wurden einerseits die vielfältigen Tätigkeiten, die Frauen auf spirituellem, organisatorischen und sozialem Gebiet inner- und außerhalb der jüdischen Gemeinden leisten, andererseits kam deutlich zum Ausdruck, dass sie noch keineswegs die ihnen gebührende Anerkennung und Stellung genießen. Dennoch zeigen die osteuropäischen Frauen eine ungebrochene Aufbruchstimmung, die im Westen vor allem von jungen Frauen geteilt wird.

 

Im April 2015 fand die siebte Tagung mit dem Titel “Engendering Jewish Politics – Redefining the Role of Women” in England statt. Das Spektrum der Teilnehmerinnen reichte von säkularen Jüdinnen über Reformrabbinerinnen bis hin zu Frauen
aus dem ultraorthodoxen Lager. Trotz religiöser, politischer und kultureller Unterschiede teilten alle, sich als Feministinnen zu verstehen; das heißt, sich für die Gleichberechtigung
und Gleichstellung von Frauen und Männern in der jüdischen Gemeinschaft einzusetzen und dabei die besondere Stimme von Frauen hörbar zu machen.

 

Unser letztes Treffen fand in der Kulturhauptstadt Europas 2016, in Wroclaw/Breslau (Polen), im September 2016 statt. Die 8. Bet Debora Tagung zum Thema „Jewish Women in Europe: Creating Alternatives“ wurde in Zusammenarbeit mit der Bente Kahan Stiftung und der Organisation Czulent, Krakau, ausgerichtet und nahm die wechselvolle deutsch-polnische Geschichte der jüdischen Gemeinden der Stadt zum Ausgangspuntk, um zu untersuchen, wie jüdische Frauen die Katastrophen und Brüche des 20. Jahrhunderts meisterten.